Herzklopfen, schneller Atem, Schweiß.
Wut, Scham, Angst, Stress.
So kann sich ein Fehler anfühlen.
Man hat versagt und sich selbst oder andere enttäuscht.
Jeder Mensch hat eine Erinnerung an einen Fehler, der prägend war. Der solche Gefühle ausgelöst hat und es auch Jahre danach noch tut. Diese Momente sind wichtige Schlüsselsteine in unserer Entwicklung (SPYCHINGER, 2006). Zum positiven wie zum negativen. (ESKREIS-WINKLER & Fishbach, 2019)
Trotzdem lernen wir nicht systematisch, wie wir Fehler erkennen, verarbeiten, bewältigen, überstehen oder daran wachsen. Unsere Fehlerkultur ist nicht chancengleich.
Das Potential für Antifragilität, Bildungsprozesse, mentale Gesundheit, Innovation und Selbstermächtigung von Fehlern bleibt ungenutzt.
Jeder Mensch ist täglich mit unzähligen Fehlern konfrontiert.
Was aber ist ein Fehler? Wer entscheidet, ob etwas ein Fehler ist?
Fehler, das sind nach mehrheitlicher Definition von der Norm abweichende Sachverhalte oder Prozesse (vgl. KOBI, 1994; MEHL, 1993). Normen stellen das Bezugssystem dar, und ohne Normen oder Regeln wäre es nicht möglich, fehlerhafte und fehlerfreie Leistungen, das Richtige, vom Falschen zu unterscheiden.
Was sind nun aber diese Normen und Regeln? Wie fixiert sind die Bezugssysteme in unserer modernen, globalen und multikulturellen Gesellschaft?
Die in der Vergangenheit so oft heraufbeschworene „VUKA- Welt“ (als Akronym für die Begriffe volatil, unsicher, komplex und ambivalent, die die immer rascher stattfindenden Veränderungen in unserer Gesellschaft beschreiben) ist mittlerweile in vielen Bereichen des Lebens Realität geworden. (vgl. HOFFELNER, KÖHLER, Theater. Pädagogik. Schule. 2022.)
Unsere Bezugssysteme, anhand derer wir Fehler definieren, sind im immer rascheren Wandel.
Fehler sind also komplex.
Fehler sind durch individuelle Filter so individuell wie die Menschen selbst.
Fehler sind ein unverzichtbares Element, um Neues zu erlernen und als Individuum zu wachsen.
Entsprechend der Theorie der transformatorischen Bildungsprozesse bringen Menschen in der Auseinandersetzung mit Problemlagen neue Dispositionen der Wahrnehmung, Deutung und Bearbeitung von Problemen hervor, die es ihnen erlauben, diesen Problemen besser als bisher gerecht zu werden. (KOLLER, H.C., 2023)
Persönlichkeitsentwicklung geschehe demzufolge immer als Resultat einer Krisenerfahrung, also dann, wenn das bereits vorhandene Verständnis von Selbst und Umwelt nicht mehr ausreichend ist, um ein Problem zu lösen. (vgl. HOFFELNER, KÖHLER, Theater. Pädagogik. Schule., 2022 )
Diese Problemlagen und Krisenerfahrungen nehmen wir zumeist als Fehler wahr.
Fehler sind Impulsgeber für Persönlichkeitsentwicklung, Bildungsprozesse, Innovation und Resilienz.
Fehler sind in unserer Gesellschaft aber vor allem Auslöser von Stress.
Obwohl sie für das Lernen essentiell sind, können Fehler, wenn sie nicht bewusst und adäquat gelöst werden, die Ursache von enormen Druck, psychischer Belastung und Stress sein. Das zeigt eine Zusammenführung von Psychologischen Stressmodellen wie dem Transaktionalen Stressmodell (LAZARUS & FOLKMANN 1984), des Soziologischen Stressmodells z.b. das Anforderung-Kontroll-Modells (KARASEK & THEORELL, 1990) und des Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Konzept der Biopsychosozialen Stressmodelle ( WITTCHEN & HOYER, 2011).
Diese folgern, dass Stress aufgrund von Anpassungsproblemen entsteht, also wenn das Individuum einen bereits erreichten, aber sich in Gefahr befindenden Zustand verteidigen muss oder sich gegen seinen Widerstand an eine neue oder sich verändernde Situation anpassen muss. Also wenn Fehler passieren, wenn wir mit ihnen konfrontiert werden.
Die negativen Auswirkungen, die Stress auf körperliche und mentale Gesundheit hat, sind ausführlich erforscht und bekannt (ERNST, FRANKE, FRANZKOWIAK. Stress und Stressbewältigung. 2022). Schon die Angst davor, Fehler zu machen, kann Stress auslösen. Angst wiederum ist ebenfalls durch zahlreiche Forschungsergebnisse als Ursache für reduzierte schulische Leistung belegt. (z. B. Balogun et al. 2017; Mazzone et al. 2007; Schwarzer 1980). Dieses Zusammenspiel kann eine kaum lösbare Spirale aus Ängsten, Stress, Überforderung und ohne Intervention langfristig apathische Resignation, ernsthafte Gesundheitsprobleme und Depression auslösen.
Gerade Menschen in Ausbildung und hier vor allem junge Erwachsene, Lehrlinge, Schülerinnen und Schüler sind jeden Tag mit Fehlern konfrontiert.
Besonders schulische Lernsituationen sind aufgrund der Selektions- und Allokationsfunktion des Schulsystems von einem hohen Anforderungscharakter geprägt. (BÖHM-KASPER, 2004). Ein Umfeld, das Fehler bedingt, stigmatisiert, aber auch benötigt.
Jede neue Formel in Mathematik, jede neue Textart oder Grammatik, jedes neue Fach, jede neue Schulstufe, jeder Schulübertritt, all das sind neue Situationen. Sie erzeugen große Herausforderungen, Leistungsdruck, soziale Veränderung und Anpassungsdruck. Sie gefährden den erreichten Wissensstand, das Bezugssystem, die Normen, die gewohnte Umwelt und die Komfortzone.
Es passieren Fehler.
Kommen hier noch soziale Ungleichheit durch sozioökonomischen Status, Gender, Ethnie, Kultur, Konflikte im sozialen Konstrukt Schule und Klasse, körperliche oder psychische Einschränkungen und mangelnde Zuwendung durch überlastete Lehrkräfte hinzu, potenziert sich diese Belastung auf Schüler*innen deutlich. (RKI, 2008), (APA, 2017)
(u.a. erhöhte Stressexposition durch belastende Lebensbedingungen; weniger Bewältigungsstrategien des Individuums, aber auch des Umfelds; reduzierte Verfügbarkeit von sozialen und materiellen Ressourcen; geringere Möglichkeiten zur Aktivierung von Ressourcen)
Es muss also unweigerlich die Frage gestellt werden, wie wir in unserer Gesellschaft, aber insbesondere in der Schule, mit Fehlern umgehen.
Wie bewusst sind sie uns? Wie sprechen wir sie an? Wie sind sie entstanden? Wie reagieren wir darauf? Wie gut oder schlecht sind sie? Wie, wenn überhaupt, lösen wir sie?
Die Schüler*innen, die Lehrkräfte, die Eltern und schlussendlich die österreichische Gesellschaft sind dem Fehlermachen und den daraus folgenden Symptomen durch Anpassungsprobleme, Selbstzweifel, Überforderung und Stress unvorbereitet und ohne Unterstützung ausgesetzt. Mit all den gravierenden physischen und psychischen Folgen.Wir wollen das ändern. Fehler sind Chancen.
Lachen, Durchatmen, Sammeln.
Freude, Tatendrang, Neugier, Selbstvertrauen.
So kann sich ein Fehler anfühlen.
Man hat etwas Neues gewagt und sich selbst oder andere inspiriert.
-Sebastian Dafinger



